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Notfallpädagogische Krisenintervention in den Trümmern von Gaza

„Welcome to Gaza“

Notfallpädagogische Krisenintervention in den Trümmern von Gaza

Die pädagogische Nothilfe für psychotraumatisierte Kinder im Gaza hat begonnen. Ein Kriseninterventionsteam der Freunde der Erziehungskunst Rudolf Steiners arbeitete vier Tage in den Trümmern von Gaza, um traumatisierten Kindern in einer pädagogischen Akuthilfe mittels waldorfpädagogischer Methoden beizustehen. Die von israelischen Freunden angeregte notfallpädagogische Krisenintervention ist ausschließlich humanitär motiviert.

Der Gaza versinkt in Not und Verzweiflung
Wadi ist ein 18 Monate alter Junge. Er gehört dem Samouni-Clan an – einer über 100-köpfigen Großfamilie einfacher bäuerischer Herkunft, die zu trauriger Berühmtheit gelangte. Kinder und Erwachsene der Familie berichten uns:

“Beim Einmarsch israelischer Truppen am 27./28. Januar 2009 in Zeidoun [einem südöstlichen Stadtteil von Gaza-Stadt] wurde der Clan aufgefordert, sich in einem Haus zu versammeln. Dann wurde das Haus von einem Hubschrauber aus beschossen. 36 Familienmitglieder, darunter viele Kinder, starben. Vier Tage lang wurden die Rettungskräfte des Roten Halbmonds daran gehindert, Verletzte zu versorgen und Tote zu bergen. Wadi lag in dieser Zeit neben seiner toten Mutter. Er hatte weder Essen noch Trinken. Ab und zu schütteten Soldaten einen Eimer kaltes Wasser über ihn.”

Seither ist Wadi verstummt. Sein leerer Blick fixiert nichts mehr. Mit dunklen Augen starrt er stumpf in die Welt. Seinem Vater wurde der Arm abgetrennt, er liegt jetzt in einem ägyptischen Militärkrankenhaus. Auch Shaban, 9 Jahre alt, musste nach eigenen Angaben hilflos zusehen, wie seine Eltern und alle seine Geschwister von Soldaten erschossen wurden. Wir treffen beide Kinder auf der Schutthalde ihrer ehemaligen Wohnstätte gleich neben einem Schild mit der Aufschrift: „Welcome to Gaza“.

Bei der mehr als drei Wochen dauernden Militäroffensive im Gaza-Streifen wurden nach Angaben der Gesundheitsbehörde in Gaza mindestens 1.415 Menschen getötet und etwa 5.500 verletzt. Die UNO geht davon aus, dass es sich bei der Hälfte der Opfer um Zivilisten handelt. Die medizinische Versorgung der Bevölkerung ist durch die militärischen Angriffe und die hermetische Blockade des Gaza-Streifens ebenso zusammengebrochen wie die Wasser- und Stromversorgung sowie die Versorgung mit Lebensmitteln und Hilfsgütern. Alles, was zum Überleben der Menschen erforderlich ist, muss durch die etwa 2.000 illegalen Tunnel an der Grenze zu Ägypten geschmuggelt werden. Die meist jugendlichen Gräber verdienen etwa 100 Schekel pro Meter. Viele Menschen leben seit dem täglichen Bombardement in dem Tunnelsystem, um Schutz zu finden oder weil ihre Wohnungen zerstört wurden.

Über 22.000 Häuser wurden durch die Angriffe im Gaza unbewohnbar. Ihre Bewohner leben jetzt meist auf Trümmern oder in notdürftigen Zeltstädten. Von morgens bis abends sind entlang der Küste die Maschinengewehrsalven zu hören. Kleine wendige Militärboote machen Jagd auf Fischer, um Waffenschmuggel zu verhindern. Schon vor dem Ausbruch des militärischen Konflikts lebten im Gaza 80% der Bevölkerung unterhalb der von der UNO festgelegten Armutsgrenze. Jetzt frieren und hungern sie. „Es ist herzzerreißend, es ist schockierend, mir fehlen die Worte“, formulierte UN-Generalsekretär Ban Ki Moon seine Eindrücke bei einem Besuch des Krisengebiets. (zitiert nach Spiegel-online)

Nach viertägiger erfolgreicher Arbeit musste unser Kriseninterventionsteam nach telefonischer Aufforderung der Deutschen Botschaft in Kairo den Gaza umgehend verlassen. Wir hatten gerade die notfallpädagogische Arbeit mit Waisenkindern in der „Al Amal institution for orphanage“ beginnen wollen. Mit Hilfe der Botschaft gelang es, im letzten Moment die Grenze zu passieren.

Der fluchtartige Aufbruch wurde vom deutschen Fernsehen aufgezeichnet. Der Reporter stellte während des Rückzugs des Teams die entscheidende Frage: „Was konntet ihr erreichen?“.

Die notfallpädagogische Krisenintervention war eine Akuthilfe, vergleichbar der ersten Hilfe an einem Unfallort. Obwohl durch erste Hilfemaßnahmen eine sofortige Heilung nicht erreicht werden kann, können diese doch wesentlich zum weiteren Verlauf des Heilungsprozesses der Verletzungen beitragen. Dies gilt für seelische Wunden, für Psycho-Traumata, gleichermaßen.

Wir gaben den betroffenen Menschen die Gewissheit, in ihrem Schmerz von Anderen wahrgenommen zu werden. Wir zeigten den Kindern, dass nicht jeder Fremde ein Mörder sein muss. Wir führten sie für Momente zu dem Erleben, dass das Leben auch schön sein kann. Und wir wissen, dass Hoffnung und Freude Heilfaktoren sind!

Für diese Tätigkeit zugunsten der psychotraumatisierten Kinder im Gaza sprach uns die UN-Sonderbotschafterin für Kinder in bewaffneten Konflikten, Frau Radhika Comaraswamy, in der Omar Bin Khattab-Schule ihre Anerkennung und ihren Dank aus.

Sobald der Zugang zum Gaza für Hilfsorganisationen wieder geöffnet werden wird, wollen die „Freunde“ die unterbrochene Arbeit dort fortsetzen. Sie können dies aber nur, wenn ausreichend Spendenmittel dafür zur Verfügung stehen.

Weitere Informationen unter:
Freunde der Erziehungskunst Rudolf Steiner

Die Kosten des bisherigen Einsatzes beliefen sich auf etwa Euro 43.000.-.
Für eine zukünftige, zweite Krisenintervention muss mit Kosten in ähnlicher Höhe gerechnet werden.

Spendenkonto:
Freunde der Erziehungskunst Rudolf Steiners
Postbank Stuttgart
BLZ: 600 100 70
Konto: 39800-704
Stichwort: “Gaza”

Dem notfallpädagogischen Kriseninterventionsteam gehörten an: Fiona Bay (Krankenschwester i. A.), Mirja Cordes (Dolmetscherin), Diana Jessen (Pädagogin), Alexa Kuenburg (Assistenzärztin), Georg Kreuer (Dolmetscher), Lukas Mall (Erlebnispädagoge), Dr. Claudia McKeen (Ärztin), Dr. Elke Mascher (Ärztin), Marie Pfister (Dolmetscherin), Jenny Rueter (Heileurythmistin), Bernd Ruf (Sonderpädagoge), Dr. Bruno Sandkühler (Pädagoge), Anni Sauerland (Erlebnispädagogin), Kristian Stähle-Ario (Kunsttherapeut), Andrea Wiebelitz (Erzieherin).


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