Was ist soziale Dreigliederung?
Die Dreigliederungsbewegung wurde 1917 von R. Steiner initiiert. Zur gesellschaftlichen Neuorientierung nach dem 1. Weltkrieg wurde dazu Anregung gegeben, das gesellschaftliche Leben in drei Gebiete zu untergliedern. Dabei war wesentlich, dass neben dem sog. „Rechtsleben“ (Staat/ Politik/ Jurisprudenz) und dem „Wirtschaftsleben“, ein „freies Geistesleben“ entstehen sollte. Gemeint war damit, dass ein Bereich völlig selbständiger, d.h. auch finanziell von Staat und Wirtschaft unabhängiger Bildungsinstitutionen und Bildungsbestrebungen wie Schulen, Hochschulen, Kulturzentren und freier Bildungsinitiativen- und Einrichtungen als dringend notwendig erachtet wurde, um das geistige Leben zu stärken. Denn nur auf der Grundlage der individuellen und institutionellen Freiheit der Einzelpersönlichkeit können sich schöpferische Potentiale entwickeln, aus denen Neuerungen und Verbesserungen jedweder Art für die Gesellschaft insgesamt entstehen können.
Die Begründung der ersten Freien Waldorfschule in Stuttgart war so von Anfang an mit dem Impuls der Freiheit des Geisteslebens verbunden. Die Lehrer waren nicht gegenüber Schuldirektoren und Oberschulämtern weisungsgebunden, sondern sollten aus ihren individuellen schöpferischen Möglichkeiten eine kindgemäße Pädagogik entwickeln. Die Finanzierung übernahm der Industrielle Emil Molt, aber so, dass die Finanzierung frei, nicht interessen-gebunden zur Verfügung gestellt wurde. Die zahlreichen in die Waldorfpädagogik einführenden Vorträge R. Steiners für die Lehrer dieser ersten Waldorfschule waren wesentliche Grundlage der neuen Pädagogik; zugleich waren sie von Steiner selbst nie so gedacht, dass sie über Jahrzehnte als Rezepte oder Handlungsanweis-ungen angewendet werden sollten, denn diese Vorgehens-weise widerspricht der Idee des freien Geisteslebens. Heute kann man an vielen Orten sehen, wie sich die Waldorfpädagogik weiter entwickelt. Es gibt allein in Deutschland heute über 200 Waldorfschulen.
Das allgemeine Bewusstsein für die Notwendigkeit unabhängiger Institutionen eines freien Geisteslebens ist heute angesichts der zahlreichen durch die Wirtschaft und den Staat nicht lösbaren Probleme stark gewachsen. Der Grundgedanke beispielsweise auch der sogenannten Nichtregierungsorganisationen (NGO’s) und der Zivilgesellschaft, zahlreicher Stifter und Stiftungsgründungen sowie der vielen unabhängigen Forschungs- Bildungs- und therapeutischen Einrichtungen beruht genau darauf, auf Grundlage eines freien Geisteslebens für Bereiche des gesellschaftlichen und individuellen Lebens Verantwortung zu übernehmen. So werden Veränderungen ermöglicht, es wird Unterstützung gegeben und es wird Perspektiverweiterung geschaffen, die anders nicht zustande kämen als durch die Initiative der zahlreichen Menschen, die im Bereich des freien Geisteslebens heute tätig sind. Corinna Gleide, Heidelberg/Eberbach