Evolution und Charles Darwin
Charles Darwin
Zum Darwin-Jahr 2009
Charles Darwin wurde am 12. Februar 1809 in Shrewsbury geboren und starb am 19. April 1882 in Downe. Vom 23. bis zum 28. Lebensjahr nahm er als begleitender Naturforscher an einer Erdumrundung auf der HMS Beagle (1831-1836) teil, deren Hauptaufgabe es zunächst war, die Südspitze von Südamerika kartographisch zu erfassen, dann aber auch viele andere Gegenden vermaß. Darwin sammelte dabei eine ungeheure Menge geologischer, pflanzlicher und tierischer Proben, die er je nach Gelegenheit durch andere Schiffe nach England bringen ließ. Als ausgezeichneter Beobachter kamen ihm auf den Galapagos-Inseln die heute nach ihm benannten Darwin-Finken zu Gesicht, deren Verwandtschaft unverkennbar war, die jedoch auf jeder Insel unterschiedlich waren. Wie waren diese Verwandtschaften und Unterschiede verständlich?
Das Werk Essay on the Principle of Population von Thomas R. Malthus (1766 – 1834), in dem der Autor den Gedanken vom Kampf ums Dasein entwickelt, in welchem der Stärkere sich gegen den Schwächeren durchsetzt – wie er heute im Verhältnis von Unternehmen zu einander studiert werden kann, gab Darwin den Gedanken eines solchen Kampfes, der auch in der Natur stattfinden sollte. Damit wurde die Anerkennung eines göttlichen Schöpfers durch eine eher mechanistisch gedachte Entwicklung der Arten ersetzt. Geistig wesenhaft Wirksames scheint zur Erklärung der Lebewesen nicht mehr notwendig. Das 1859 erschienene Buch Die Entstehung der Arten (On the Origin of Species by Means of Natural Selection, or The Preservation of Favoured Races in the Struggle for Life) entwickelte diese Anschauung detailreich.
Eine besondere Brisanz erhielt Darwins Theorie, als er 1871 das Buch Die Abstammung des Menschen und die geschlechtliche Zuchtwahl (The Descent of Man, and Selection in Relation to Sex) veröffentlichte. Darin beschrieb Darwin, (was zu diesem Zeitpunkt allerdings bereits weithin diskutiert wurde und was Huxley (1863) und Haeckel schon öffentlich vertreten hatten) – die Verwandtschaft des Menschen mit den Affen, mit dem er gemeinsame Vorfahren teile. Ist also Darwins Lebensleistung, dass er den Menschen als Tier und damit alle menschlichen Leistungen letztlich durch naturnotwendige Selektion im Kampf ums Dasein versteht?
So mag es auf den ersten Blick scheinen. Man kann aber es auch anders sehen: Darwin hat es übernommen, in der Hochflut des Materialismus den Entwicklungsgedanken mit der ihm größtmöglichen Sorgfalt und Vielfalt der Belege im naturwissenschaftlichen Denken zu verankern, eine Leistung, die nicht hoch genug eingeschätzt werden kann. Die rein materialistische Begründung mag korrigiert oder erweitert werden müssen, die Festigung des Entwicklungsgedankens bleibt ein unverlierbarer Gewinn.
Gegen Darwins Theorie hat es vielfältige Einwände gegeben:
- Bücher wie das Buch über Gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt von Pjotr Alexejewitsch Kropotkin (1842 – 1921) oder – moderner – Bücher wie Das kooperative Gen: Abschied vom Darwinismus (von Joachim Bauer) lassen fragen: Bieten Natur und menschliches soziales Leben nur das Bild vom Kampf ums Dasein?
- Die Theorie vom Intelligent Design, die von den sogenannten Neokreationisten vertreten wird, weist auf die Diskrepanz von Sinnerfahrung in der Welt und einer nur nach mehr oder weniger mechanischen Gesetzen verlaufenden Entwicklungsvorstellung hin.
- So sehr sich Darwin in Die Abstammung des Menschen abmüht, die höheren Kulturleistungen des Menschen mit Beobachtungen in der Tierwelt in Verbindung zu bringen, bleiben die Begründungen oft schwach und vom gewünschten Ergebnis her bestimmt.
- Nicht gefunden werden kann aus einem einseitigen Denken im Sinne Darwins der Ursprung menschlicher Freiheit, Verantwortungsfähigkeit und Moralität.
Aber auch Erweiterungen können gefunden werden: Wenn Entwicklung möglich ist, muss auch das menschliche Bewusstsein Entwicklungen durchlaufen können. Bedeutet dann nicht der Entwicklungsgedanke auf das menschliche Ich selbst angewandt, die Verwandlungskraft in sich zu suchen und auf sich anzuwenden?
In seinem Aufsatz Reinkarnation und Karma, vom Standpunkte der modernen Naturwissenschaft notwendige Vorstellung hat Rudolf Steiner (1861-1925) eine Darstellung des Entwicklungsgedankens für die geistige Gestalt des Menschen so gegeben, dass ein Anschluss an das naturwissenschaftliche Denken möglich ist.
Schließlich ist Rudolf Steiners Schrift Die Geheimwissenschaft im Umriss eine Darstellung der Evolution von Kosmos und Mensch, die ohne den Entwicklungsgedanken wohl nicht geschrieben und noch weniger hätte verstanden werden können.
Der anthroposophische Biologe Andreas Suchantke fasst die mögliche Erweiterung der Evolutionstheorie Darwins so zusammen:
«Im Menschen individualisiert sich die Evolution und erwacht zum Bewusstsein ihrer selbst. Sie ist damit nicht mehr auf biologischer Ebene wirksames erbliches Gruppenmerkmal der jeweiligen Arten (Spezies), sondern wird individuell erreichbare aktive Leistung des Ich. Folge: Kontinuität des evolutiven Impulses findet sich nicht mehr in der physischen Leiblichkeit des Artkollektivs, sondern des geistigen Wesenskernes des Individuums im Durchgang durch die Inkarnationen. Davon betroffen ist auch die außermenschliche Natur, die nun den individuellen Ich-Impulsen (oder kollektiven Abirrungen davon) des Menschen erwartungsoffen (und schutzlos) ausgeliefert ist.»
In jedem Fall wird mit dem Entwicklungsgedanken einem eher statischen alttestamentlichen Schöpfungsgedanken die Dynamik der Entwicklung zur Seite gestellt: Werden statt des bloßen Seins.
Was bleibt offen? Zwei große Fragen bleiben dem an Darwin orientierten Denken offen: Die Frage nach dem inneren Zusammenhang der organischen Gestalt und dem Zusammenhang der Gestalt mit ihrer Umwelt. Es scheint, dass ein rein mechanisch verlaufendes Denken diese Lebenszusammenhänge nicht wirklich überschauen kann. Ist eventuell ein lebendiges, zum Künstlerischen hinneigendes Verstehen, wie es Goethe geübt oder wie es der Maler Gerard Wagner in seinen Metamorphosen gezeigt hat, weiterführend?
Das Kapitel Darwin scheint also zweihundert Jahre nach seiner Geburt keineswegs abgeschlossen.
Anfügen möchte ich der kurzen Betrachtung über den bedeutenden Forscher und Menschen Charles Darwin ein Detail, das unscheinbar sein mag, aber doch menschlich berührend ist: Seine Frau, Emma Darwin, schrieb ihm zwei Briefe, in denen sie in freilassender Weise um seine Beziehungen zum Glauben rang. Darwin schrieb unter einen dieser Briefe handschriftlich: Wenn ich tot bin, sollst Du wissen, dass ich den Brief viele Male geküsst und Tränen über ihn vergossen habe. C.D.
Dies mag an das Schicksal von Ernst Heckel und das Ringen von Frida von Uslar-Gleichen mit ihm um eine geistige Weltanschauung erinnern: Beiden Forschern konnte die überkommene Lehre über das Göttliche keine das wissenschaftlich geschulte Denken befriedigende Einsicht in die Realität und Wirksamkeit des Geistes geben. So wurden sie zu Materialisten. Die ihnen tief in Liebe verbundenen Seelen fühlten die Unzulänglichkeit der von ihnen gebildeten Weltanschauungen und versuchten auf ihre Art etwas Höheres in ihnen anzusprechen.
Prof. Dr. Ernst Schuberth, 19.02.2009